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Was ist typisch Frau?

Je mehr Annegret Prause über diese Frage nachdachte und je mehr Leute

sie befragte, desto schwerer fiel es ihr, eine Antwort zu geben.



Stell dir vor, wir würden uns auf einen Kaffee treffen. Am liebsten in einem dieser kleinen Lokale, in denen man sich in Ruhe unterhalten kann. Nachdem wir uns eine Weile darüber ausgetauscht haben, was uns gerade beschäftigt, würde ich dir gern eine Frage stellen: Was ist für dich eigentlich typisch Frau? Was bedeutet für dich Weiblichkeit, genau jetzt an dieser Stelle in deinem Leben mit 20, 30, 40, 50, 60 Jahren?

Auch wenn wir uns im Moment nicht wirklich bei einem Kaffee darüber unterhalten, bin ich ehrlich neugierig, wie deine Antwort aussieht. Denn je länger ich selbst über diese Frage nachdachte, je mehr ich las und je mehr andere Leute ich befragte (Männer und Frauen übrigens), desto schwerer fiel es mir, eine Antwort zu geben.

 

Etwas unübersichtlich

Natürlich lässt sich auf biologischer Ebene kurz und prägnant erklären, was typisch Frau ist. Aber sobald man die reine Biologie beiseitelässt, wird es unübersichtlich. Welche Wesensmerkmale, Fähigkeiten und Eigenschaften sind typisch Frau – und was ist überhaupt „typisch“?

Frauen haben ein minimal schlechteres Orientierungsvermögen als Männer, habe ich in einer Meta-Studie gelesen. Das kennt man auch als Klischee und es deckt sich zum Beispiel wenig mit meiner Alltagserfahrung. Mittlerweile weiß ich auch, warum das so ist: Die Bandbreite von Fähigkeiten und Eigenschaften ist innerhalb des eigenen Geschlechts deutlich größer als die Differenz der Durchschnitte beider Geschlechter. Das heißt, die durchschnittliche Frau unterscheidet sich weniger stark vom durchschnittlichen Mann als Frauen untereinander. Und bei Männern ist das ebenso.

Für mich war diese Erkenntnis ein kleiner gedanklicher Paukenschlag. Ein „Ja, natürlich!“-Moment.

 

So viel Vielfalt

Ich habe in meinem Leben so unterschiedliche Frauen kennengelernt. Manche nur flüchtig, andere gut. Einige bewundere ich. Viele haben mich inspiriert, manche haben mich geprägt.

Ich kenne Leiterinnen, die eine Vision haben, Leidenschaft und den Mut, voranzugehen. Ich bewundere Frauen, die anderen das Gefühl geben, zu Hause zu sein. An deren Küchentisch man sich nicht nur ausheulen kann, sondern an dem man auch Trost und eine gescheite Mahlzeit bekommt. Ich sehe Frauen, die eine mühelose Eleganz besitzen und jeden Kartoffelsack so tragen können, als wäre es High Fashion und ich wüsste gern, was ihr Geheimnis ist. Und wie großartig sind bitte die Frauen, die die Fähigkeit haben, in jedem Raum wenigstens ein Eckchen Gemütlichkeit einzurichten, selbst wenn man gerade auf Umzugskartons sitzt?

Ich begegne Frauen, die den Mut haben, verletzlich zu sein, die Worte finden, an die sich auch andere anlehnen können. Frauen, die hinterfragen und forschen und nachdenken und wissen wollen. Und Frauen, die Wärme ausstrahlen und Mut machen und ihre Familien zusammenhalten – was täten wir ohne sie.

Ich bewundere weise Frauen, Frauen, denen man abspürt, dass sie die Tiefen des Lebens durchschritten haben und nicht bitter geworden sind. Sie sind meine Vorbilder.

Die Frauen, die ich kennenlerne, sind leise und laut, wagemutig und zurückhaltend, empathisch und direkt, schöngeistig und pragmatisch, handwerklich begabt und verträumt, kommunikativ und still, stark und weich. Sie sind so unterschiedlich!

 

Individuelle Persönlichkeiten

Und eigentlich ist das ja auch völlig logisch. Unsere Biologie bestimmt nur zu einem kleinen Teil unsere Wesensart. Wir leben mit einem sprunghaften und sehr individuellen Hormoncocktail (der sich nicht nur regelmäßig, sondern auch übers Leben hinweg verändert), wir werden durch unsere Erziehung, Vorbilder und Vorstellungen geprägt und haben ganz individuelle Persönlichkeiten. Und so vielschichtig und komplex diese Mischung ist, so vielschichtig ist auch Weiblichkeit.

Und doch vergleichen wir uns ständig. Wir blicken auf die ominöse „durchschnittliche Frau“ und sind verunsichert, wenn wir so ganz anders sind. Wir eifern Ideal­bildern nach, die wir nicht erreichen können (das Zeitalter von Social Media ist da ganz sicher keine Hilfe). Und wir fühlen uns minderwertig, weil wir manche hochgelobte Tugend einfach nicht verkörpern. Dabei übersehen wir gern die Stärken, Eigenschaften und Talente, die wir haben.

 

Unterschiedlichkeit feiern

Wäre es nicht großartig, wenn wir einfach unsere Unterschiedlichkeiten mitbringen an einen großen Tisch? Den Tisch des Lebens und der Gemeinschaft. Vielleicht wünschen wir uns manchmal, alle anderen wären auch so wie wir selbst und reden uns ein, dann wäre alles leichter. Aber tatsächlich wäre das eine Katastrophe. Nicht nur, dass es furchtbar langweilig wäre, es würde schlicht nicht funktionieren. Ein Organismus oder eine Gemeinschaft, in der alle Teile dieselben Eigenschaften, Fähigkeiten und Aufgaben haben, ist nicht lebensfähig (das schreibt schon Paulus in 1. Korinther 12,12 ff).

Keine von uns ist perfekt – auch die andere nicht, von der du das denkst. Jede Frau hat Ecken und Kanten und Macken. Aber die, die mich am meisten und nachhaltigsten beeindrucken, sind die, die mit sich selbst im Reinen sind. Sie versuchen nicht, jemand zu sein, der sie gar nicht sind. Sie leben und umarmen das, was Gott in sie hineingelegt hat.

 

Platz für jede

Dürfen wir in unserem Leben wachsen und uns verändern? Ja, definitiv. Immer. Aber wir dürfen vor allem auch die sein, als die wir geschaffen worden sind. Stark und sanft. Laut und leise. Beschützerin und Kämpferin.

Weiblichkeit ist keine Schwäche. Du musst keinem Durchschnitt entsprechen und dich nicht mit Idealbildern vergleichen. Dein Wesen, die Art und Weise, wie du Weiblichkeit lebst, ist wichtig und richtig. Du hast deinen Platz in dieser Geschichte, die wir alle leben, am Tisch der Gemeinschaft.

Vielleicht lautet die Frage also gar nicht: Was ist typisch Frau, sondern: Was für eine Frau bist du oder willst du sein?




Annegret Prause arbeitet als Lektorin und

lebt mit ihrem Mann südlich des Ruhrgebiets in

Heiligenhaus und bloggt u. a. auf stiftherzpapier.de


Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2/24 der JOYCE erschienen.



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