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Der Alles-unter-einen-Hut-Irrtum



Nach einem intensiven Seminartag sitze ich mit dreissig anderen Frauen in einer Pizzeria. Zwischen meinem zweiten und dritten Bissen Quattro Stagioni wird an meinem Tisch die bekannte Frage nach der Vereinbarkeit aufgeworfen. Wie das alles unter einen Hut zu bringen ist, will eine Teilnehmerin von der Referentin wissen. Blöd nur, dass ich die Referentin bin. «Ein Ding der Unmöglichkeit», würde ich ihr am liebsten antworten. Und das nicht nur, weil andernfalls die Pizza kalt sein wird, bis ich wieder essen könnte. Sondern auch, weil es stimmt. Mein Leben passt nicht unter einen Hut. Überall ragen Fetzen hervor. Stopfe ich sie zurück unter die Krempe, quillt an einem anderen Punkt der Hutkante etwas heraus. Das ganze Bild mit dem Hut taugt nichts! Wir sollten es aus unseren Gesprächen unter Frauen streichen. Ich entglorifiziere also das Bild von mir als sogenannte Powerfrau. (Nochmal so ein Wort, das wir aus unseren Konversationen streichen sollten.) Ich erzähle der Frau von unserer Familie und den Ansätzen, die in der Praxis doch nur hilflose Versuche bleiben, sich irgendwie durch diese anspruchsvollen Jahre zu manövrieren. Nicht umsonst wird die Zeitspanne, wo Familienleben und berufliche Entwicklung zusammenfallen auch «Rush Hour des Lebens» genannt.

Ich wage hier mal eine ganz andere Perspektive auf die Sache mit der Vereinbarkeit. Der Ausgangspunkt: Wir zerreißen unser Leben in Bereiche. Übrig bleibt ein komplexes Alltagskonstrukt mit unzähligen Kleinteilen. Und dann sind wir ständig damit beschäftigt, alle Teilchen wieder zusammen zu fügen, allem gerecht zu werden und daraus ein schönes, grosses Ganzes zu machen. Und dieses Vorhaben soll auch noch total mühelos aussehen. Ich ändere also die Frage. Aus «Wie kriege ich das alles unter einen Hut?» wird: «Bin ich eigentlich selber noch unter diesem Hut?» Ich gehe einfach mal davon aus, dass ich nicht ständig alles zusammenhalten muss, sondern, dass es schon da ist. Das Leben liegt in vielfältiger Art vor mir. Als glaubender Mensch betrachte ich genau dieses kostbar zerbrechliche Leben als von Gott geschenkt. Das Problem ist eher, dass ich oft gar nicht da bin, wo das Kostbare bereits liegt.


Anwesenheit + Gegenwart + Zugänglichkeit = Präsenz


Anwesenheit

Geografisch, räumlich da zu sein, wo ich gemäss meiner Aufgabenliste und meiner Agenda sein soll, schaffe ich meistens. Eine rein logistische Angelegenheit. Das ist aber nur einer von drei nötigen Summanden für Präsenz. Die wiederum sollte mein Ziel sein, wenn ich das mit dieser Hutsache anders angehen will.

Gegenwart

Gegenwart meint den zeitlichen Faktor. Zur rechten Zeit am rechten Ort. Hat bekanntlich mit Zeitmanagement zu tun. Da beginnt es bei mir bereits zu happern.

Zugänglichkeit

Jetzt wird’s anspruchsvoller. Bin ich wirklich ansprechbar? Erreichen mich andere mit ihren Anliegen oder werden sie nur abgehört? Schaue ich mit einem offenen und neugierigen Blick auf meine Aussenwelt? Lasse ich mich berühren?

Letzteres bleibt für mich ein Lernfeld. Ich merke, dass es Bedingungen gibt, die den wachstümlichen Prozess begünstigen. Ich muss innerlich Platz schaffen, damit ich zugänglich sein kann. Die Dinge vereinfachen. Das Durcheinander in ein Nacheinander sortieren. Mich bewusst für eine «Besenstrich für Besenstrich»-Haltung entscheiden. Denn wenn ich nicht damit beschäftigt bin, immer das grosse, unaufgeräumte Ganze zu sehen, schaffe ich es, während dem einen Besenstrich ein Fenster für andere aufzumachen. Zugänglichkeit eben.


Ich will der Welt nicht beweisen, wie viel unter einen Hut passt. Noch will ich mich ein halbes Leben lang selbst mit den Fetzen stressen, die ich nicht unterbringe. Aber was ich will, ist, präsent sein. Ich will unter diesem Hut sein. Und zwar nicht in Form einer anwesenden Hülle, die zum richtigen Zeitpunkt dort ist, wo sie sein muss. Sondern als lebendiges, fühlendes und aufmerksames Wesen mitten in meinen Lebensfetzen, die mir von meinem Schöpfer geschenkt sind.



Tamara Boppart ist Texterin, Kreative und als Rednerin unterwegs. Sie arbeitet bei Central Arts, einer Bewegung von Kreativen in der populären Kunst und in Kirchen. Sie ist Mutter von vier Töchtern und verheiratet mit Andreas „Boppi“ Boppart, Leiter von Campus für Christus (D/A/CH). Zusammen mit einer anderen Familie lebt sie gemeinschaftlich unter einem Dach im Zürcher Unterland.

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