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Zuckerschlecken

Kürzlich unterhielten wir uns mit ein paar Leuten über dies und das. Ein Freund bemerkte nebenbei, dass er versuche, in der Woche möglichst zuckerarm zu leben und er nur am Wochenende mal ein Stück Kuchen esse. Daraufhin wurde eine Freundin aus der Runde hellwach. Zuckerarm? Ob er schon die positiven Folgen spüre? Hatte er klarere Haut? Mehr Energie? Weniger Entzündungen? Der Freund sah etwas irritiert aus und erklärte, er esse einfach weniger Zucker, weil das generell gesünder sei …



Ich musste länger über dieses kleine Gespräch nachdenken. Ich habe mich gefragt, ob genau diese Erwartungshaltung uns im Weg stehen kann. Wir setzen große Hoffnungen auf unseren Lebensstil. Alles scheint mit genügend selbstoptimierender Disziplin erreichbar. Wenn wir nur das Richtige essen, bleiben wir für immer gesund. Wenn wir genug Selfcare betreiben, sind wir nie wieder gestresst. Wenn wir unsere Kinder achtsam genug erziehen, werden sie nie Probleme haben. Und dann werden wir trotz gesunder Ernährung krank, das Leben schlägt trotz Selfcare seine stressigen Haken, die Kinder brauchen Therapie – und wir verstehen die Welt nicht mehr.


Ich frage mich, ob wir mit der Zucker-Erwartung auch an unseren Glauben herangehen. Ich erinnere mich, dass eine Freundin früher mit großer Ernsthaftigkeit geistliche Bücher gelesen hat. Sie war immer viel besser darin gewesen als ich, sich in die Inhalte zu vertiefen und sie umzusetzen. Dafür hatte ich sie ein bisschen bewundert. Dann war ihr Leben nicht so verlaufen, wie sie es sich erträumt hatte. An vielen Stellen hatte sie Sackgassen erlebt, war ernüchtert und enttäuscht. Sie hatte alles an ihrem Glauben hinterfragt und vieles davon aufgegeben.


Ich ahne, dass ich selbst manches von Jesus erwarte, das mir gar nicht versprochen ist. Wenn ich ihm nur vertraue, müsste doch mein Leben ein Zuckerschlecken werden, oder? (Wobei diese Redewendung in zuckerarmen Zeiten vielleicht etwas danebengreift …).


In Wirklichkeit ist es wohl anders. Die Morgenröte dämmert schon, Gottes Reich ist angebrochen, aber es gibt noch Schatten überall. Der Gute Hirte führt mich zum frischen Wasser und durch die dunklen Täler hindurch. Aber nicht an ihnen vorbei. Nicht an allen jedenfalls. Ich möchte lernen, ihm nicht deshalb zu vertrauen, weil ich mir das Blaue vom Himmel erhoffe, sondern weil allein seine Gegenwart ein Stück Himmel für mich ist. Möchte auf ihn hoffen, weil er wahr ist in seiner unverrückbaren Heiligkeit. Möchte vor allem an ihn glauben, weil „Gottes Liebe sich durch den Tod von Jesus nach mir ausstreckt und mich einlädt, diese Liebe selbst zu erfahren“ (N. T. Wright).

 

Anja Schäfer ist Autorin und Redakteurin und lebt mit ihrer Familie in Hamburg.


Dieser Artikel ist zuerst erschienen in JOYCE 1/2026 © SCM Bundes-Verlag“


 

 
 
 

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